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"Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau"

Regisseur Gordon Greenberg über das Stück
Fotos Besetzung von "Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer frau"

Text: Gordon Greenberg

Portraitfoto Gordon Greenberg
Gordon Greenberg © Jeff Lorch

Als mein lieber Freund und künstlerischer Partner Thomas Kahry mir erstmals vorschlug, Stefan Zweigs Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau für die Bühne zu bearbeiten – und zwar eigens für die Festspiele Reichenau –, hat mich die Idee sofort gepackt. Diese Geschichte ist zutiefst persönlich und universell, und sie begleitet mich seit Jahren. Zweigs Fähigkeit, in einem scheinbar flüchtigen Moment das Außergewöhnliche sichtbar zu machen, fundamentale Veränderungen in nur einem einzigen Tag spürbar zu machen, macht seine Novelle wie geschaffen für das Theater. Fast wirkt es, als hätte Zweig diese Novelle mit der Bühne im Hinterkopf geschrieben – auch wenn er es vielleicht selbst nicht wusste.

Am meisten beeindruckt mich – und ich bin überzeugt, dass dies auch das Publikum berühren wird – die radikale, grundlegende Botschaft der Erzählung: Dass das Leben erst dann wirklich beginnt, wenn wir es riskieren. Diese Botschaft, verankert in der Reise von Mrs. C., wirkt in unserer Zeit der Angst und des Rückzugs besonders dringlich. Wir werden ständig ermahnt, vorsichtig zu sein, uns zu schützen, die Welt auf Abstand zu halten. Doch diese Geschichte behauptet das Gegenteil: dass wahres Leben nur dort zu finden ist, wo wir das Risiko wagen – in Begegnungen, die unberechenbar, gefährlich, manchmal auch schmerzhaft sein können.

Für die Bühne ist diese Geschichte ein Geschenk

Für die Bühne ist diese Geschichte ein Geschenk. Im Kern geht es um Verwandlung – von Menschen, von Räumen, von der Zeit selbst. Unsere Konzeption greift das auf, indem sie eine bewegliche, poetische, musikalische Welt erschafft. Aus wenigen Möbelstücken entsteht ein ganzer Kosmos: ein Roulettetisch, ein Hotelbett, ein Korridor, eine Bar. Die Drehbühne wird zum Sinnbild des Strudels aus Leidenschaft und Gefahr, in den Mrs. C. hineingezogen wird. Und die Live-Band ist nicht bloß Begleitung – sie repräsentiert die Atmosphäre der Hotelbar, der Herzschlag des Abends. Musik dringt in jede Szene, steigert die Spannung, trägt uns von der Verzweiflung bis zur Ekstase und erinnert daran, dass auch das Leben selbst von Rhythmus, Dissonanz und Melodie bestimmt ist.
Im Zentrum der Geschichte steht Mrs. C. – eine Frau, deren Leben über Jahrzehnte hinweg von Pflichterfüllung, Zurückhaltung und Schweigen geprägt war. Sie wurde übersehen, selbst in ihrem eigenen Haus, nie wirklich wahrgenommen. Und dann erlebt sie innerhalb eines einzigen Tages mehr als in all den Jahren zuvor: Begehren, Mitgefühl, Nähe, Verrat und Verlust. Ein ganzes Universum an Gefühlen verdichtet sich auf 24 Stunden. Am Ende ist sie eine andere – für sich selbst ebenso wie für die Welt um sie. Genau das macht diese Geschichte so theatralisch: Sie will das Leben nicht erklären, sie lässt es geschehen – direkt vor den Augen des Publikums.

Warum ist dieses Stück gerade heute so wichtig? Weil es die Lähmung anspricht, die viele Menschen in unserer Gegenwart empfinden. Die Schwester in der Erzählung predigt eine Doktrin der Angst: „Bleib sicher. Verlange nicht zu viel. Wer zu viel will, wird zugrunde gehen.“ Wie vertraut klingt das in einer Welt, in der Unsicherheit, Gefahr und Verlust allgegenwärtig scheinen. Und doch erinnert uns Zweig daran, dass wir uns nur im Wagnis selbst finden – in der Liebe, in der Kunst oder in dem schlichten „Ja“ zu einem Tanz. In einer Zeit, in der viele in Sicherheit flüchten möchten, ermutigt diese Geschichte, einen Schritt nach vorne zu tun – auch wenn dieser Schritt Furcht einflößt.

In Reichenau fällt dieser Stoff auf fruchtbaren Boden

In Reichenau fällt dieser Stoff auf fruchtbaren Boden. Die Festspiele sind ein Zuhause für Werke, die menschliche Zerbrechlichkeit und Widerstandskraft erkunden. Stefan Zweig an diesem Ort, in seiner österreichischen Heimat, neu auf die Bühne zu bringen, hat etwas zutiefst Bewegendes. Die Erzählung, im Klang und in der Sprache von Zweigs Welt, aber durch eine zeitgenössische Linse betrachtet, gewinnt eine erschütternde Aktualität.

Ich glaube das Publikum der Festspiele ist besonders vertraut mit dem feinen, intimen Zusammenspiel zwischen einem Charakter und dessen Gedankenwelt und besonders empfänglich für die faszinierende Spannung zwischen Sicherheit und Leidenschaft, Zurückhaltung und Befreiung, einem Leben unter dem Glassturz und einem Leben im offenen Risiko.

Portrait Thomas Kahry
Thomas Kahry © Tim Huening

Thomas und mich verbindet nicht nur die Begeisterung für Zweig, sondern auch die Überzeugung, dass Theater ein Raum der Verwandlung ist. Unsere Fassung will den Text nicht museal bewahren, sondern ihn ins Leben holen, ihn atmen lassen, ihn in der Gegenwart neu aufblühen lassen. Entstanden ist sie im Dialog: zwischen uns als Partnern, zwischen Vergangenheit und Gegenwart – und am Ende zwischen dem Stück und dem Publikum. 

Am Ende unseres Stücks widersetzt sich Mrs. C. zum ersten Mal der erdrückenden Logik ihrer Schwester. Sie steht auf, geht zu dem Mann, der sie ganz zu Beginn zum Tanz bat – und diesmal ist sie es, die ihn bittet. Eine einfache Geste, und doch von ungeheurer Sprengkraft. Es ist ihr Bekenntnis dass sie das Leben gekostet hat und nicht zurückkehren kann. In diesem Moment liegt für mich auch das Wesen des Theaters: der Mut, „Ja“ zu sagen, die Bereitschaft, sich zu zeigen und den Schritt zu wagen,  hinein in Musik und Tanz.

Und wenn wir unser Leben nicht einsetzen – wie können wir es je gewinnen?

Gordon Greenberg 

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